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Der unangenehme Mensch
Alle waren in Abendkleidung gekommen, nur er stand in
Shorts, T-Shirt und Badeschlappen da.
Wieder rauchte er demonstrativ seine Zigarette, dann ging
er eilenden Schrittes durch den Saal und schloss mit den Worten „von diesen
Autoabgasen könnte man ja fast ersticken“ das Fenster.
Als der Aperitif serviert wurde, packte er seine
Wasserpfeife aus, um neben dem Alkoholgestank auch die Parfümwolken durch ein
bisschen Haschischduft um sich herum zu verdrängen.
Aus irgendeinem Grund stellte sich ein Moment der Ruhe
ein und bevor es wieder laut werden konnte, schlug er leicht mit einem Löffel
an sein Mineralwasserglas, er trank nämlich keinen Alkohol, um die
Aufmerksamkeit eines jeden Anwesenden auf sich zu richten und sagte mit
erhobener Stimme: „Ich bin ein kommunistischer Agent!“ Er hatte das
eigentlich als einen Witz gedacht, aber als die Leute ihn mit großen Augen
und erschrockenen Gesichtern ansahen, erschrak er selbst, weil er feststellen
musste, dass diese noch an jene Märchen glauben.
Viele sitzen ganz vorn, um angeblich am besten zu sehen
und zu hören, aber wahrscheinlich, um eventuell von den Schauspielern besser
gesehen zu werden, oder besonders nah dran zu sein, wenn etwas Unerwartetes
passieren sollte. Die Reicheren auf den Balkonen wollen sich nur anscheinend
verstecken, sie sind die neugierigsten, weil man von dort oben fast alle
Zuschauer sehen kann. Unser unangenehmer Mensch befand sich irgendwo unten in
der Mitte, weil das Gebäude so angelegt worden war, dass dort die Töne im
Zusammenklang am besten zur Entfaltung kommen. An diesem Abend wurde „Faust“
von Gounod aufgeführt. Wir wissen, dass zum Beispiel Verdi verschiedene Arien
der weiblichen Hauptrolle für eine bestimmte Sängerin geschrieben hat, so
auch Gounod und das macht es für eine andere besonders schwierig. Als der
Sängerin zum zweiten Mal beim höchsten Ton die Stimme brach, wurde es unserem
Unangenehmen langsam zu viel. Außerdem konnte er den Mephisto nicht hören,
eine der schwierigsten Rollen für tiefe Männerstimmen, weil er zum Beispiel
in der Szene in der Kirche ganz hinten stehend, vor ihm das Orchester, leicht
vor ihm links und rechts jeweils ein Teil des Chors, eingekreist von allen
vieren im Mittelpunkt Margarethe, die tiefsten Töne schallend alle übertönend
den erschreckenden Hintergrund bilden muss. Aber der Sänger, der den
Valerian, den Bruder von Margarethe verkörperte, erledigte seine Aufgabe mit
Bravour. Und nun kurz vor dem Ende der Aufführung wartete unser Skandalöser
gespannt auf diese Kirchenszene gekoppelt mit einem Ballett. Der Tanz schien
eine neue Choreographie zu sein, aber passte eigentlich ganz gut in die ganze
Szene, den kritischen Zustand Margarethes unterstreichend. Mephisto stand im
Hintergrund, ein Schatten versteckte sein Gesicht, es war vollkommen. Der
einzige Fehler dabei war, dass Valerian in Mephisto-Kleidung die Rolle des
Mephistos sang. Nach der Szene traten wie immer die teilnehmenden Sänger vor
den heruntergelassenen Vorhang, um den Applaus des Publikums
entgegenzunehmen. Und was musste unser Unangenehmer da sehen? Es ist
lobenswert, wenn sich jemand vertreten lässt, weil es ein anderer besser
macht, aber dass dieser dann die Lorbeeren des Besseren ernten will, geht zu
weit. Oder wollte vielleicht die Theaterleitung nicht, dass die dummen
Zuhörer etwas von dem Schwindel merken? So stand unser Rebell in Jeans und
knallrotem T-Shirt auf und rief, was seine Kehle aushielt: „Betrug! Ich will
Valerian, der den Mephisto sang.“ Es war sein Glück, dass dies fast das Ende
des Stückes ist, weil es keine Pause mehr gibt, in der man ihn dann hätte
entfernen können. Und die Leute um ihn herum waren empört, nicht weil sie vom
Theater betrogen worden waren, sondern weil er ihren fehlenden Sachverstand
aufgedeckt hatte. Unverstand ist im Anzug noch peinlicher.
Es ist Samstag und unser Unangenehmer geht spazieren. Auf
den öffentlichen Parkplätzen vor den Häusern waschen sehr viele Männer ihr
Auto. Vor einem neuen und besonders schön geputzten Auto, an dem der Besitzer
(Ich sage absichtlich nicht Eigentümer, weil das in den meisten Fällen die
Bank ist, bis die Schulden nicht ganz beglichen wurden.) gerade die Felgen
poliert, bleibt unser Zyniker stehen und sagt: „Deine Frau wird eifersüchtig,
wenn sie sieht, wie zärtlich du dein Auto streichelst!“
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Der unangenehme Mensch
Sunday, 20 December 2015
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